Proontologi - Das Paradox des Bestimmten


Ein Aufsatz über die Voraussetzungen des Seins

  Die Metaphysik untersucht, ob es ein erstes Prinzip oder einen letzten Grund für alles gibt. Die Ontologie untersucht, was Sein bedeutet, ob es unveränderlich ist oder ob Veränderungen ein grundlegender Bestandteil der Wirklichkeit sind.

 Im Folgenden wird eine Theorie vorgestellt, die nicht den Anspruch erhebt, etwas Neues zu begründen. Die Theorie (vom griechischen theoria, "Betrachtung", "Anschauung") versucht, mit ontologischen Mitteln die Grenzen der Ontologie selbst sichtbar zu machen. Sie ist damit eine Untersuchung der Voraussetzungen von Ontologie und Metaphysik. 

 Die Proontologie erkennt an, dass sich die Ontologie nur innerhalb ihrer eigenen begrifflichen Rahmen bewegen kann. Dies gilt auch für die Metaphysik, die auf ontologischen Begriffen aufbaut und daher von ontologischer Bestimmtheit abhängt: Wenn gefragt wird "Was ist?", kann die Antwort letztlich immer nur lauten: "Es ist."

 Die Proontologie soll verdeutlichen, warum dies so ist. Zu diesem Zweck wird das Wortpaar "proontologisches Feld" benutzt. Das Wortpaar hat keine Bedeutung außer, dass es als Marker für "unbestimmte Wirklichkeit" dient, von der man weder sagen kann, dass "sie" existiert, noch, dass "sie" nicht existiert. Die Verwendung des Markers ist ein methodischer Kunstgriff. 

 Ein bloßes Markieren der Unbestimmtheit macht sie nicht bestimmt. Das unbestimmte "proontologische Feld" könnte ebenso gut anders genannt werden, aber viele andere Wörter sind schon begrifflich vorbelastet. Wichtig ist, dass "es" weder bestimmte Kategorien noch eine feste Struktur, bestimmte Eigenschaften oder eine festgelegte Bedeutung aufweist. "Es" ist nicht intentional, weder ein Ding noch eine Substanz, ein Phänomen oder eine mystische Kraft. Ebenso wenig können wir uns "ihm" nähern, indem wir Fragen über "es" stellen. Im Weiteren werden Anführungszeichen für den Hinweis auf Unbestimmtes weggelassen.

 Das proontologische Feld zeigt sich durch mannigfaltige, unbestimmte Qualitäten. Gemeint sind hier Qualitäten, die keine Eigenschaften sind, weil Eigenschaften bereits ontologische Bestimmungen voraussetzen.  Das Wort Zeigen darf nicht als Aufführung oder Schauspiel verstanden werden, denn auch dies wäre bereits eine ontologische Auffassung. Man könnte fragen: Was soll denn dann das proontologische Feld sein? Und die Antwort wäre wieder: Warum muss es denn überhaupt sein oder nicht sein? 

 Warum ist das schwer zu verstehen? Weil wir uns Unbestimmtes nicht vorstellen können. Das Unbestimmte entzieht sich unserem Begreifen. Das ontologisch strukturierte Bewusstsein orientiert sich am Bestimmten. Doch worauf beruht dann das Bestimmte? Wie leicht zu vermuten ist: auf Bestimmung. 

Abbildung 1: Hervorhebung des Unbestimmten - Zeichenbildung
Abbildung 1: Hervorhebung des Unbestimmten - Zeichenbildung


Das Unbestimmte als das alles Verbindende wäre ein Paradox, weil das Erkennen aus der Position des Bestimmten ein "heimliches" Paradox in sich trägt. Das Bestimmte kann nicht für sich selbst bestehen, ist aber davon abhängig, wovon es sich abgrenzt.

Um Ontologie und die Frage nach Bestimmung zu verstehen, muss die Wirklichkeit des Zeichens untersucht werden. Bestimmung vollzieht sich als Zeichenbildung. Bestimmung ist die Stabilisierung von Hervorgehobenem zu einem wiedererkennbaren Zeichen.  Festlegung ist der zentrale Akt, der die Ontologie begründet. Unmittelbar mit der Festlegung eröffnet sich für das Zeichen ein Sein.

 Zeichen bestehen aus einer festgelegten Formseite, einer Inhaltsseite und der unbestimmten Wirklichkeit des proontologischen Sich-Zeigens. Ihre Bildung vollzieht sich als Identifikation durch Unterscheidung: Aus dem unbestimmten Feld wird Unbestimmtes herausgehoben und als bestimmte Form abgegrenzt. Erst durch diese Unterscheidung wird etwas als etwas identifizierbar. Qualitäten des proontologischen Feldes werden im Akt der Zeichenbildung hervorgehoben und deutbar. Projizierte Bedeutung bildet die Inhaltsseite des Zeichens und macht das proontologische Feld zu etwas, was es zuvor weder war noch nicht war. Bemerken und sich merken vollziehen sich im Akt der Zeichenbildung in einem Vorgang. Das fließende Unbestimmte erhält eine feste Struktur (von struere "aneinanderfügen, schichten, zubereiten, ordnen").

 Als Bewusstsein treten die Formseite und die Inhaltsseite des Zeichens als relevant (von relevare "in die Höhe heben") hervor. Die festgelegte Form verleiht dem Inhalt Dauerhaftigkeit und Wiedererkennbarkeit. Nur was wiedererkannt werden kann, kann als Zeichen verwendet werden. Wiedererkennbarkeit ist daher die Voraussetzung von Bestimmung, Verwendung und Kultur. 

 Zeichen sind unsere Bezugspunkte. Sie strukturieren unsere Intentionalität und eröffnen Bedeutungszusammenhänge. Auf dieser Grundlage bilden sich Identität und Kultur und ermöglichen zugleich Reflexion, indem sie Beziehungen herstellen. Sie konstituieren Subjekte und Objekte und ermöglichen allgemein Unterscheidungen. Sie bilden nicht nur Sprache, sondern auch bestimmte, künstliche Dinge und kulturelle Phänomene. Das Wissen vom Sein erscheint einerseits als begriffliche Struktur und andererseits als bestimmte Objekte. Zeichen sind daher die Grundlage der Ontologie und zugleich als Spiegelbild die Struktur des Bewusstseins und die Grundlage der menschlichen Existenz (von sistere "stellen, einstellen"). 

 Unter Existenz wird hier die Bestimmtheit eines Zeichens innerhalb einer stabilisierten Ordnung verstanden. Kein Zeichen kann festgehalten werden. Alles vergeht. Daher existieren Zeichen nur als flüchtige Vorstellung. Vorstellung und Zeichen stabilisieren einander durch Herstellung, Gebrauch und Instandhaltung unter Verbrauch von Arbeitsaufwand und Energie. 

 Was nicht bestimmt ist, existiert weder noch existiert es nicht. Aber es kann zum Zeichen oder Objekt werden, indem es als solches relevant und bestimmt wird (der Baum, die Natur, das Wasser). Bewusstes Sein ist eine stabilisierte Vorstellung von Ordnung. 

 Also: Unbestimmtes muss zum Zeichen werden, um in Erscheinung zu treten, doch kein Zeichen kann das Unbestimmte in sich fassen.

Zeichenbildungs- /Transformationskette 

 → Hervorheben → Scheinbare Formfestlegung (Aneignung/ Übergriff) → Möglichkeit der Unterscheidung und Identifikation (Datenbildung) → Möglichkeit der Deutbarkeit und Wiedererkennbarkeit → Sinngebung durch Projektion und Inhaltsbildung → Stabilisierung von Form und Inhalt durch Gebrauch, Verfestigung und Aufrechterhaltung → Reproduktion, Vervielfältigung → Gegenstandsbildungen und Abstraktion → Erkenntnis- und Fiktionsbildung → Identitäten und Kulturen → Projektion von Zeichen → Zeichensysteme und Weltbilder - Welt für uns, als ein Netzwerk von Bedeutungen, Namen und Symbolen → Neue Projektion und weitere Transformationen → Beschleunigung von Projektions- und Transformationsprozessen → 


Hintergrund der Theorie 

 Das Ziel der Theoriebildung ist zu verdeutlichen, was es bedeutet, dass Sein entsteht, warum wir stets in einer vermittelten und distanzierten Beziehung zur unbestimmten Wirklichkeit leben und weshalb es keine letzte Begründung geben kann. 

 Die Theorie der Proontologie führt weder zum Relativismus noch zum Nihilismus. Sie leugnet weder die Bestimmungen der Ontologie noch die unbestimmte Wirklichkeit des proontologischen Feldes. Ebenso wenig ist sie solipsistisch, denn sie erkennt eine unbestimmte Wirklichkeit an, die nicht auf das individuelle Bewusstsein reduziert werden kann.

 Die Proontologie steht in der Nähe verschiedener Denktraditionen, wie etwa denen von Kant, Hegel, Heidegger, Peirce, Cassirer, Deleuze, Luhmann.  Der Verfasser findet bei näherer Betrachtung vielfältige Verbindungen. Um die Übereinstimmungen und Unterschiede zu den Denkern der Philosophiegeschichte genauer herauszuarbeiten, müsste sich der Verfasser eingehender dem Studium der Philosophie widmen. Es scheint, als gäbe es hier vieles zu entdecken und zu zitieren.

 Der Verfasser ist ausgebildeter Gärtner und verfügt lediglich über begrenzte philosophische Grundkenntnisse. Die Kerngedanken der Proontologie erschlossen sich ihm durch die aufmerksame Betrachtung landschaftsgärtnerischer Tätigkeiten und der dabei verwendeten Begriffe, wie Planen, Entwerfen, Anzeichnen, Einfassen, Teilen, Legen, Stellen, Setzen, Ziehen, Instandhalten, Leiten und weiterer Tätigkeitswörter.

 

Abbildung 2: Aufrechterhaltung eines Platzes auf einer bestimmten Insel. Form 0 = erster Punkt der Festlegung.
Abbildung 2: Aufrechterhaltung eines Platzes auf einer bestimmten Insel. Form 0 = erster Punkt der Festlegung.
Abbildung 3: Stall (von stalla „Stand“), Bleibe
Abbildung 3: Stall (von stalla „Stand“), Bleibe