Proontologie - Das Paradox des Bestimmten
Ein Aufsatz über die Voraussetzungen des Seins
Immer wieder geraten Menschen in Sackgassen, die tiefe Krisen nach sich ziehen. Da viele dieser Krisen nicht unmittelbar aus natürlichen Prozessen entstehen, sondern vom Menschen selbst verursacht werden, scheinen sie hausgemacht zu sein. Mit der Klima- und Naturkrise stehen wir heute möglicherweise vor der größten Herausforderung, der sich die Menschheit je gegenübersah. Es ist keineswegs sicher, dass diese Krise überwunden werden kann, wenn wir nicht grundlegend über unsere Annahmen hinsichtlich unserer selbst und der Welt nachdenken. Daher erscheint es notwendig, zu den fundamentalen Fragen unseres Wirklichkeitsverständnisses zurückzukehren und die Grundlagen unserer Weltsicht zu reflektieren: die Fragen der Metaphysik und der Ontologie.
Die Metaphysik untersucht, ob es ein erstes Prinzip oder einen letzten Grund für alles gibt. Die Ontologie untersucht, was Sein bedeutet, ob es unveränderlich ist oder ob Veränderungen ein grundlegender Bestandteil der Wirklichkeit sind.
Im Folgenden wird eine Theorie (vom griechischen theoria, "Betrachtung", "Anschauung") vorgestellt, die nicht den Anspruch erhebt, eine Letztbegründung zu liefern oder eine völlig neuartige Philosophie zu begründen. Ihr Anliegen besteht vielmehr darin, verschiedene philosophische Einsichten in einem gemeinsamen Zusammenhang neu anzuordnen, so dass sich ein neues Bild ergibt. Ausgangspunkt ist die Frage, wie ontologische Bestimmtheit überhaupt entsteht. Die Theorie bietet daher eine Perspektivverschiebung an.
Proontologie fragt nicht zuerst, was ist, sondern wie etwas als etwas erscheinen, unterschieden, festgelegt und als seiend verstanden werden kann. Sie untersucht die Bedingungen der Möglichkeit von Ontologie und Metaphysik und versucht zu zeigen, dass jede Aussage über Sein bereits Akte der Bestimmung voraussetzt.
Es soll verdeutlicht werden, dass sich die Ontologie nur innerhalb ihrer eigenen begrifflichen Rahmen bewegen kann. Dies gilt auch für die Metaphysik, die auf ontologischen Begriffen aufbaut und daher von ontologischer Bestimmtheit abhängt: Wenn gefragt wird "Was ist?", kann die Antwort letztlich immer nur auf eine vorausgesetzte Weise des Seins verweisen: "Es ist... ."
Wenn Bestimmtheit nicht aus Bestimmtheit allein erklært werden kann, stellt sich die Frage nach dem Unbestimmten. Um den Schnittpunkt vom Bestimmten zum Unbestimmten zu erhellen, wird das Wortpaar "proontologisches Feld" benutzt. Das Wortpaar hat keine Bedeutung außer, dass es als Marker für "unbestimmte Wirklichkeit" dient, von der man weder sagen kann, dass "sie" existiert, noch, dass "sie" nicht existiert. Die Verwendung des Markers ist ein methodischer Kunstgriff.
Ein bloßes Markieren der Unbestimmtheit macht sie nicht bestimmt. Das unbestimmte "proontologische Feld" könnte ebenso gut anders genannt werden, aber viele andere Wörter sind schon begrifflich vorbelastet. Wichtig ist, dass das "proontologische Feld " weder bestimmte Kategorien noch eine feste Struktur, oder eine festgelegte Bedeutung aufweist. "Es" ist nicht intentional, weder ein Ding noch eine Substanz, ein Phänomen oder eine mystische Kraft.
Das proontologische Feld "zeigt sich" (nicht im Sinne von manifestieren) an der Pforte zur Bestimmung durch mannigfaltige, unbestimmte Qualitäten. Gemeint sind hier Qualitäten, die keine Eigenschaften sind, weil Eigenschaften bereits ontologische Bestimmungen voraussetzen. Mannigfaltigkeit und Qualität werden hier lediglich als Hinweiswörter gebraucht. Auch das Wort Zeigen wird als Hinweis gebraucht und darf nicht als Aufführung oder Schauspiel verstanden werden, denn auch dies wäre bereits eine ontologische Auffassung. Man könnte fragen: Was soll denn dann das proontologische Feld sein? Und die Antwort wäre wieder: Warum muss es denn überhaupt sein oder nicht sein?
Warum ist das schwer zu verstehen? Weil wir uns Unbestimmtes nicht vorstellen können. Das Unbestimmte entzieht sich unserem Begreifen und dem Verständnis. Das ontologisch strukturierte Bewusstsein orientiert sich am Bestimmten. Doch worauf beruht dann das Bestimmte? Wie leicht zu vermuten ist: auf dem Vollzug der Bestimmung.

Um Ontologie und die Frage nach Bestimmung zu verstehen, muss die Wirklichkeit des Zeichens untersucht werden. Bestimmung vollzieht sich als Zeichenbildung. Bestimmung ist die Stabilisierung von Hervorgehobenem zu einem wiedererkennbaren Zeichen. Festlegung ist der zentrale Akt, der die Ontologie begründet. Unmittelbar mit der Festlegung eröffnet sich für das Zeichen ein Sein als Gelegenheit.
Zeichen sind ein Zusammenspiel aus einer festgelegten Formseite, einer Inhaltsseite und der unbestimmten Wirklichkeit des proontologischen Sich-Zeigens. Festlegung vollzieht sich als Identifikation durch Unterscheidung: In dem unbestimmten Feld wird Unbestimmtes herausgehoben und als bestimmte Form abgegrenzt. Erst durch diese Unterscheidung wird etwas als etwas identifizierbar. Unbestimmte Qualitäten des proontologischen Feldes werden im Akt der Zeichenbildung deutbar. Projizierte Bedeutung bildet die Inhaltsseite des Zeichens und macht das proontologische Feld zu etwas, was es zuvor weder war noch nicht war. Die Verrichtung erh¨ält eine Geltung. Bemerken und sich merken vollziehen sich im Akt der Zeichenbildung in einem Vorgang. Das Unbestimmte erscheint in der Zeichenbildung als eine feste Struktur (von struere "aneinanderfügen, schichten, zubereiten, ordnen").
Als Bewusstsein treten die Formseite und die Inhaltsseite des Zeichens als relevant (von relevare "in die Höhe heben") hervor. Die festgelegte Form verleiht dem Inhalt Dauerhaftigkeit und Wiedererkennbarkeit. Nur was wiedererkannt werden kann, kann als Zeichen verwendet werden. Wiedererkennbarkeit ist daher die Voraussetzung von Wiederverwendung.
Zeichen sind unsere Bezugspunkte. Sie strukturieren unsere Intentionalität und eröffnen Bedeutungszusammenhänge. Auf dieser Grundlage bilden sich Identität und Kultur und ermöglichen zugleich Reflexion, indem sie Beziehungen herstellen. Sie konstituieren Subjekte und Objekte und ermöglichen allgemein Unterscheidungen. Sie bilden nicht nur Sprache, sondern auch bestimmte, künstliche Dinge und kulturelle Phänomene. Das Wissen vom Sein erscheint einerseits als begriffliche Struktur und andererseits als bestimmte Objekte. Zeichen sind daher die Grundlage der Ontologie und zugleich als formgebender Geist die Struktur des Bewusstseins und die Grundlage der menschlichen Existenz (von sistere "stellen, einstellen").
Unter Existenz wird hier die Bestimmtheit eines Zeichens innerhalb einer stabilisierten Ordnung verstanden. Kein Zeichen kann festgehalten werden. Alles vergeht. Daher existieren Zeichen nur als vorüberghehende Stabilisierung. Vorstellung und Zeichen stabilisieren einander durch Herstellung, Gebrauch und Instandhaltung unter Verbrauch von Arbeitsaufwand und Energie. Zeichenbildung ist ein fortschreitender Prozess.
Was nicht bestimmt ist, existiert weder noch existiert es nicht. Aber es kann zum Zeichen oder Objekt werden, indem es als solches relevant und bestimmt wird (der Baum, das Wasser, oder der Begriff "Natur"). Bewusstes Sein ist eine stabilisierte Vorstellung von Ordnung. Das menschliche Selbst bringt sich fortwährend selbst hervor.
Also: Unbestimmtes muss zum Zeichen werden, um in Erscheinung zu treten, doch kein Zeichen kann das Unbestimmte in sich fassen.
Zeichenbildungs- /Transformationskette
→ Hervorheben → scheinbare Formfestlegung (Aneignung/ Übergriff; scheinbar weil wirksam, aber nicht vollständig gelingend) →Gelegenheit der Grenzbildung, Unterscheidung und Identifikation (Datenbildung) → Möglichkeit der Deutbarkeit und Wiedererkennbarkeit → Sinngebung durch Projektion und Inhaltsbildung → Stabilisierung von Form und Inhalt durch Gebrauch, Verfestigung und Aufrechterhaltung → Übertragung → Reproduktion, Vervielfältigung → Gegenstandsbildungen und Abstraktion → Erkenntnis- und Fiktionsbildung → Identitäten und Kulturen → Zeichensysteme und Weltbilder → Welt für uns, als ein Netzwerk von Dingen, Bedeutungen, Namen und Symbolen → neue Projektionen und weitere Transformationen → Beschleunigung von Projektions- und Transformationsprozessen → Mechanisierung → Digitalisierung → Verselbstständigung der Transformationsprozesse ohne unmittelbare Erfahrung→

Hintergrund der Theorie
Das Ziel der Theoriebildung war zu zeigen, wie Sein entsteht, warum wir stets in einer vermittelten und distanzierten (abstandswahrenden) Beziehung zur unbestimmten Wirklichkeit leben und weshalb es keine letzte Begründung geben kann. Sein ist die Folge einer herstellenden Distanzierung, die energetisch einer fortwährenden Aufrechterhaltung bedarf, weil die Distanzierung niemals vollständig gelingen kann.
Die Theorie der Proontologie führt weder zum Relativismus noch zum Nihilismus. Sie leugnet weder die Bestimmungen der Ontologie noch die unbestimmte Wirklichkeit "des" proontologischen Feldes. Ebenso wenig ist sie solipsistisch, denn sie erkennt eine unbestimmte Wirklichkeit an, die nicht auf das individuelle oder kulturelle Bewusstsein reduziert werden kann.
Der Verfasser findet bei näherer Betrachtung vielfältige Berührungspunkte mit verschiedenen Denktraditionen, etwa bei Kant, Hegel, Husserl, Heidegger, Peirce, Cassirer, Derrida, Deleuze und Luhmann, um einige zu nennen. Um die Übereinstimmungen und Unterschiede zu den Denkern der Philosophiegeschichte genauer herauszuarbeiten, müsste sich der Verfasser allerdings eingehender dem Studium der Philosophiegeschichte widmen.
Der Verfasser ist ausgebildeter Gärtner und verfügt lediglich über begrenzte philosophische Grundkenntnisse. Die zentralen Einsichten der Proontologie erschlossen sich ihm durch die aufmerksame Betrachtung landschaftsgärtnerischer Tätigkeiten und der dabei verwendeten Begriffe wie Planen, Entwerfen, Urbar machen (Roden/Rotten), Abstecken, Planieren, Anzeichnen, Einfassen, Plätten, Überdecken, Teilen, Legen, Stellen, Setzen, Ziehen, Anbinden, Instandhalten, Leiten und weiterer Tätigkeitswörter. Auch die folgenden Beziehungs- und Zweckwörter erwiesen sich als aufschlussreich: Auftrag, Bestellung, Anliegen, Zweck, Anleger und Besitzer.
Welche praktischen Konsequenzen könnte man nun aus diesem Denken ableiten?
Wir sind auf Identität, Sprache und Kultur angewiesen. Wir wissen aber auch, dass das Herstellen und der Gebrauch von Zeichen und ihre Stabilisierung und Aufrechterhaltung Konsequenzen für unsere Umgebung und die natürlichen Entwicklungen haben: durch das Bewusstsein als verdichtete Struktur von Zeichen wird dem Lebendigen und Wachsenden Bestimmtheit auferlegt.
Die dargelegte Sichtweise verdeutlicht, dass kulturelle Produkte wie Sprache, Geld, Gesetze, Identitäten, Institutionen, Staaten und Technologien nicht die unmittelbare Wirklichkeit selbst sind, sondern Produkte der Vorstellungen, die durch ihren Gebrauch und Erhaltung stabilisiert werden. Unser Vertrauen in ihre Werte hält die Produkte und ihre Verwendung und Erneuerung aufrecht. Erfindergeist erschliesst neue Möglichkeiten der Hervorhebung.
Wir leben in Zeichen. Zeichen sind notwendig, doch sie können problematisch werden, wenn sie Vorrang vor der unbestimmten Wirklichkeit erhalten. Wenn dies geschieht, werden die Zeichen zu unseren Herren statt zu unseren Dienern. Leben geht allen menschlichen Systemen (von systema "aus mehreren Teilen zusammengesetztes Ganzes") voraus. Aus dieser Sicht könnte man argumentieren, dass die Aufgabe unserer Zeit nicht darin besteht, neue Götzen zu schaffen, weder in Gestalt von neuen Göttern noch von Märkten, Staaten, Städten, Dingen oder künstlicher Intelligenz.
Wir könnten wieder lernen, Zeichen zu gebrauchen, ohne uns ihnen zu unterwerfen, und nach einer Kultur streben, in der Zeichen und Technologien wieder mehr dem Leben dienen und nicht zu zunehmender Entfremdung führen. Der Mensch könnte als gelassener Hüter der Zeichen leben, mit innerer Ruhe, Demut und Verantwortung dafür, dass seine Zeichen die Natur nicht unnötig zerstören oder reduzieren. Es wäre angebracht, den Blick für das Notwendige zu schärfen. Ein lebendiges Verhältnis zur Wirklichkeit verlangt zudem körperliche wie gedankliche Bewegung, um ein Erstarren als Folge von Überstabilisierung vorzubeugen.
Eine lebensdienliche Kultur sollte zwischen Unbestimmtheit und Stabilisierung vermitteln. Zuviel Stabilisierung führt zu Überkontrolle und Anfälligkeit. Zu wenig Stabilisierung zu Orientierungslosigkeit, Existenzangst und ein Gefühl von Sinnlosigkeit. Die Nutzung von Internetplattformen, die mit ständig wechselnden Zeichenfolgen arbeiten, kann leicht zu Ablenkung, Abstumpfung und Bedeutungsverwässerung führen. Es besteht dann die Gefahr der kulturellen Destabilisierung, von Identitätskrisen und allgemein der Überlastung von Systemen, wenn Bedeutungen unstabiler werden und daraus Orientierungsprobleme entstehen.
Zeichen sind unsere Werkzeuge, aber unser Ziel ist das Leben. Unsere Liebe sollte der wachsenden und mannigfaltigen Unbestimmtheit gelten, die wir gewöhnlich als Natur benennen. Die Qualität gelebter Kulturen zeigt sich dann nicht im grenzenlosen Hervorbringen neuer Zeichen, sondern in der Fähigkeit zu unterscheiden, wann weiteres Herstellen notwendig ist und wann es zu unterlassen wäre. Eine Kultur, die sich ihrer Abhängigkeit von Zeichen bewusst ist, würde auch Räume pflegen, in denen nicht Produktion, Kontrolle und ständiges konkurrierendes Vergleichen und Bestätigen im Mittelpunkt stünden.
Der Verfasser bezieht selbst seinen Lebensunterhalt aus der Arbeit in Systemen. Er ist sich darüber im Klaren, dass die dargelegten praktischen Überlegungen in einem starken Spannungsverhältnis zur Wirklichkeit der modernen, technisch rasant fortschreitenden Zivilisation stehen. Die Überlegungen sollten jedoch nachdenklich stimmen. Der Verfasser ist zuversichtlich, dass ein friedliches Zusammenleben der irdischen Kulturengemeinschaft möglich wäre, wenn die Menschen die Macht der Zeichen erkennen und kritisch hinterfragen, um so das Schattendasein unter ihrer Beherrschung zu überwinden.
Überlegungen über Überlegungen.
Einfügungen nach Einfügungen.
Unterfütterungen unter ... Hervorhebungen?

Wohnen ist die fortwährende Aufrechterhaltung von Zeichen, durch die ein Zuhause als eine gewohnte Welt erscheint.
Nachtrag:
Eine Recherche für einen Unterbau des Aufsatzes ergab folgende mögliche Bezüge:
(Nachträglich mit Hilfe eines Sprachmodells erstellt)
Laozi Dao De Jing (ca. 4.-3. Jh. v. Chr.) - Das Dao ist die unbestimmbare Quelle aller Unterschiede und Dinge. Jede feste Bestimmung verfehlt das Ursprüngliche; Sein und Nichtsein erzeugen einander. Die Wirklichkeit entsteht aus einer dynamischen Einheit von Gegensätzen.
Nagarjuna Mūlamadhyamakakārikā (ca. 150–250 n. Chr.) - Alle Dinge sind leer von eigenständigem Wesen. Alles existiert nur durch wechselseitige Abhängigkeit; daher keine feste Substanz. Differenz ohne feste Identität.
Immanuel Kant Kritik der reinen Vernunft (1781/1787) - Erkenntnis entsteht durch die Struktur des erkennenden Subjekts. Raum, Zeit und Kategorien sind Bedingungen möglicher Erfahrung. Die Welt erscheint nur durch Formen der Unterscheidung des Bewusstseins.
Georg W. F. Hegel Phänomenologie des Geistes (1807) - Wahrheit entwickelt sich dialektisch durch Widersprüche. Jede Position erzeugt ihre Negation und wird in einer höheren Einheit aufgehoben. Identität entsteht durch Differenz.
Charles Sanders Peirce Collected Papers (Schriften 1860–1914) - Denken und Wirklichkeit sind fundamentale Zeichenprozesse. Erkenntnis entsteht durch Interpretation von Zeichenketten. Bedeutung entsteht relational und prozesshaft.
Martin Heidegger Sein und Zeit (1927) - Das Sein wird durch menschliches In-der-Welt-Sein erschlossen. Vor jeder Theorie steht ein praktisches Weltverhältnis. Sein zeigt sich im Horizont menschlicher Existenz.
Martin Heidegger Die Frage nach der Technik (1954) – Technik ist nicht bloß ein Werkzeug, sondern eine Weise des Entbergens von Wirklichkeit. Die moderne technische Weltauffassung reduziert Natur und Menschen dazu, als verfügbarer "Bestand" zu erscheinen. Die Gefahr besteht darin, dass der Mensch diese Sichtweise für die Wirklichkeit selbst hält und sich ihr unterordnet.
Gilbert Simondon L'individuation à la lumière des notions de forme et d'information (1958) - Individuen sind Resultate von Individuationsprozessen. Es gibt keine fertigen Substanzen; Individuen entstehen aus Spannungsfeldern. Werden ist grundlegender als Sein.
George Spencer-Brown Laws of Form (1969) - Jede Erkenntnis beginnt mit einer Unterscheidung. Eine Form entsteht durch das Ziehen einer Grenze. Der Ursprung von Logik und Weltbeschreibung ist der Akt des Unterscheidens.
Jacques Derrida De la grammatologie (1967) - Bedeutung entsteht nie vollständig präsent, sondern durch Differenzen. Zeichen verweisen stets auf weitere Zeichen. Es gibt kein letztes Fundament der Bedeutung.
Niklas Luhmann Soziale Systeme (1984) - Systeme entstehen durch die Differenz von System und Umwelt. Kommunikation reproduziert sich autopoietisch durch eigene Operationen. Gesellschaft besteht aus selbstreferenziellen Kommunikationssystemen.
Vilém Flusser Ins Universum der technischen Bilder (1985) - Technische Bilder formen die Wirklichkeit moderner Gesellschaften. Medien bestimmen zunehmend Wahrnehmung und Denken. Kultur wird durch Informations- und Bildapparate organisiert.
Bernard Stiegler La technique et le temps Bd. 1 (1994) - Technik ist konstitutiv für menschliches Denken und Gedächtnis. Wissen wird in technischen Speichern externalisiert. Der Mensch entwickelt sich durch technische Prothesen seines Geistes.
Weitere mögliche Bezugspunkte und Anschlussstellen
Negative Theologie und Mystik
Pseudo-Dionysius – De mystica theologia (ca. 6. Jh.), Meister Eckhart – Deutsche Predigten (ca. 1300), Nikolaus von Kues – De docta ignorantia (1440)
Phänomenologie und Verkörperung
Edmund Husserl – Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (1913), Maurice Merleau-Ponty – Phänomenologie der Wahrnehmung (1945), Tim Ingold – The Perception of the Environment (2000), Being Alive (2011), Making (2013)
Prozessphilosophie und Werden
Johann Wolfgang von Goethe – Die Metamorphose der Pflanzen (1790), Alfred North Whitehead – Process and Reality (1929), Gilles Deleuze – Différence et répétition (1968),
Natur, Ganzheit und Gestaltbildung
Theodor Schwenk – Das sensible Chaos (1962), Henri Bortoft – The Wholeness of Nature (1996), Viktor Schauberger – Unsere sinnlose Arbeit (1933), Die Genialität der Natur (posthum)
Psychoanalyse und Symbolische Ordnungen
Jacques Lacan – Das Seminar XI (1964), Écrits (1966), Slavoj Žižek – The Sublime Object of Ideology (1989), Less Than Nothing (2012),
Systemtheorie, Kybernetik und Selbstorganisation
W. Ross Ashby – An Introduction to Cybernetics (1956), Ilya Prigogine – Order Out of Chaos (1984), Donella Meadows – The Limits to Growth (1972), Thinking in Systems (2008)
Symbolische Welten und Kultur
Platon – Phaidros (ca. 370 v. Chr.), Jean-Jacques Rousseau – Essai sur l'origine des langues (1781), Ernst Cassirer – Philosophie der symbolischen Formen (1923–1929)
Technik, Institutionen und gesellschaftliche Vermittlung
Ivan Illich – Deschooling Society (1971), Tools for Conviviality (1973), Bruno Latour – Nous n'avons jamais été modernes (1991), Reassembling the Social (2005), Richard Sennett – The Craftsman (2008), Together (2012)
Ökologie und Verantwortung
Arne Næss – The Shallow and the Deep, Long-Range Ecology Movement (1973), Ecology, Community and Lifestyle (1989), Hans Jonas – Das Prinzip Verantwortung (1979), Donna Haraway – A Cyborg Manifesto (1985), Staying with the Trouble (2016)
Moderne, Beschleunigung und digitale Gesellschaft
Hartmut Rosa – Beschleunigung (2005), Resonanz (2016), Unverfügbarkeit (2018), Jaron Lanier – You Are Not a Gadget (2010), Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now (2018), Byung-Chul Han – Müdigkeitsgesellschaft (2010), Psychopolitik (2014), Undinge (2021), Shoshana Zuboff – The Age of Surveillance Capitalism (2019)
Kulturentwicklung, Zivilisation und gesellschaftliche Dynamiken
Arnold J. Toynbee – A Study of History (1934–1961), Václav Havel – The Power of the Powerless (1978), Joseph Tainter – The Collapse of Complex Societies (1988), Jared Diamond – Collapse (2005), Peter Turchin – War and Peace and War (2006), End Times (2023), Yuval Noah Harari – Sapiens (2011)

